Psychotherapie mit Pferd

- Das ehrlichste Feedback über die eigene Wirkung und Wahrnehmung -

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Raffaello, Wallach, 19J alt

Die Begegnung mit dem Pferd ermöglicht fundamentale Selbst- und Beziehungserfahrungen. Menschliche – oft verletzte und abgewehrte – Grundbedürfnisse werden wachgerufen. So ist der Wunsch nach Nähe und Verbundenheit durch das Berühren des warmen Pferdekörpers wieder spürbar. Die Fähigkeit zu fühlen und sich anzulehnen wird gefördert und oft entsteht auf rein sinnlicher, vorsprachlicher Ebene Raum für eine Affektabstimmung, wie sie in der ganz frühen Mutter-Kind-Beziehung erlebt wird. Die entwicklungspsychologisch bedeutsame Erfahrung des Getragenwerdens ist gerade in der heutigen Zeit, in der viele Menschen unter hohem Leistungsdruck stehen, heilsam.

Ein Pferd reagiert ohne Wertung auf den Patienten

Neben der Wahrnehmung und Integration von oft unbewussten, regressiven Wünschen führt der Kontakt zu einem Pferd den Menschen in sein Gleichgewicht. Er fördert schon rein körperlich Aufrichtung und Balance und damit innere Voraussetzungen, um auch aggressiven Bedürfnissen adäquat Ausdruck verleihen zu können: Klare Willensäußerungen, wie Richtungsanweisungen oder räumliche Grenzsetzungen, auf die das Pferd unmittelbar doch stets ohne Wertung reagiert. Pferde sind Flucht- und Herdentiere. Als Fluchttiere verfügen sie über eine hochdifferenzierte Wahrnehmung und registrieren kleinste Körpersignale, Stimmungsschwankungen und Änderungen im sozialen Gefüge. Als Herdentiere fragen sie sich: Ist mein Gegenüber so präsent wie eine Leitstute? Erst dann sind Pferde bereit zu folgen.

Die Arbeit mit einem Pferd bedeutet das Wiedererleben der eigenen Körpergrenzen und das Wiederentdecken oft verschütteter Ressourcen. Innere Sicherheit und Selbstvertrauen werden erhöht.

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Hailey, Stute, 13J alt

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Fallbeispiel 1

Eine Patientin hält sich selbst für eine gute Lehrerin. Dennoch gibt es seit einiger Zeit Beschwerden von Kollegen. Angeblich gingen die Kinder über Tische und Bänke. Nachdem die Patientin die Koppel betreten hat, zupft sie ganz unerwartet Leckerli aus ihrer Hosentasche und hält sie dem Pferd hin. Das geht schnurstracks auf sie zu, kommt näher und näher – bis seine Nüstern den Hals der Patientin berühren. Sie zieht den Kopf ein, dreht sich um, macht richtungslose Schritte. Das Pferd klebt an ihren Fersen, es schubst sie unwirsch vorwärts. Doch die Patientin strahlt: „Pferde und Kinder mögen mich nun mal.“ Erst beim Anschauen der Videoaufnahmen erkennt die Patientin das Geschehen. Sie ist sehr betroffen. Binnen Minuten ist ihr Selbstbild durch die klaren Reaktionen des Pferdes aus den Fugen geraten. Im weiteren therapeutischen Prozess wird ihr zunehmend bewusst, warum es in ihrem Leben zu bedrohlich gewesen ist, die aggressiv-expansiven Impulse auszudrücken. Sie lernt, sich Raum zu nehmen und anderen Grenzen zu setzen.

Fallbeispiel 2

Ein beruflich sehr erfolgreicher Patient, der von seiner Klarheit und Entschlossenheit fest überzeugt ist, leidet seit der Trennung von seiner Frau an beängstigend intermittierenden Herzschmerzen. Kaum hat er die Koppel forsch betreten, setzt sich die sehr sensible Stute Gina nervös in Bewegung. Sie wird immer schneller. Schließlich galoppiert sie aufgeregt um ihn herum. Der Patient ist irritiert, kann dieses Verhalten zunächst nicht mit sich selbst in Verbindung bringen. Dann atmet er aus, senkt die Schultern und geht langsam in die Hocke. Gina beruhigt sich, bleibt schließlich stehen und wendet sich dem Patienten zu. Dieser richtet sich langsam auf, nähert sich der Stute, berührt zärtlich ihren Hals. Tränen laufen ihm übers Gesicht. Diese weiche Seite seiner Persönlichkeit hat der Patient seit seiner Kindheit nicht mehr gespürt. Seinem Herzen ist es danach bald bessergegangen.

Fotos by Leonie Zenker

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